Sicherheitstrance treibt in die Kündigung

foto: Hanna Sostak

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Es gibt Themen, die mich extrem wach machen und mir meine “Mission” verdeutlichen. Das geschah vor wenigen Tagen, als Gudrun Z., (38) mir von ihrem Dilemma berichtete:

Top qualifiziert und fit

Vor zwei Jahren kam die Politologin und Soziologin (Master) von Süddeutschland nach Berlin, wo sie mit einem gut situierten Mann verheiratet ist. Als erfolgreiche Redakteurin und PR-Beauftragte eines bekannten Instituts ging sie davon aus, in der Hauptstadt beruflich schnell Fuß zu fassen. Es dauerte es eine Weile, bis Frau Z. nach etlichen Vorstellungsgesprächen tatsächlich eine Tätigkeit aufnahm, weil sie erst einmal mit Angeboten konfrontiert wurde, die sich mehr oder weniger als Praktikum, als Ehrenamt oder als unterbezahlte Festanstellung entpuppten. “So ist das halt in Berlin” erklärte ihr der Freundeskreis. Nach einiger Zeit nahm Frau Z. eine Stelle als freie Redakteurin und PR-Mitarbeiterin bei einer NGO an, wo sie zwar gering vergütet wurde (ca. 12 Euro / Std.), dafür aber Ihre kompletten Erfahrungen und Expertise einbringen konnte. Die Organisation, die aus zehn fest angestellten und mehreren freien Mitarbeiter/innen bestand, wartet mit einer beeindruckenden Liste von prominenten Vorständen und Vorsitzenden auf und ist seit über 20 Jahren etabliert, was sehr seriösen Eindruck macht.

Freude am Schaffen

Gudrun Z. nahm an Team-Meetings teil und brachte sich und Ihre Ideen voll ein. Sie begann, die Meetings zu moderieren, die Mitarbeiter/innen zu motivieren und brachte Struktur und Professionalität in die veraltete Print- und Onlinepräsentationen. Schnell wurde sie intern als Führungskraft angenommen und Führung war es, was von ihr erwartet wurde. Sie schrieb selbst Artikel, lektorierte, veröffentlichte, plante, organisierte und führte so die Organisation in die Öffentlichkeit. Doch in der Öffentlichkeit wurden sämtliche Ergebnisse als Errungenschaften ihrer Kollegen/innen und Vorgesetzten verkauft. Ihr Name taucht nirgendwo auf. “Kein Ding! Es ist ja für eine gute Sache und ich kann mich hier voll einbringen” sagte Frau Z. als ich sie fragte, wie sie sich fühlt wenn andere sich mit ihren Lorbeeren schmücken.

Die heimliche Anerkennung für Leistungen

Der Geschäftsführer lobte Frau Z. für ihre wunderbare Zuarbeit, aber eine Festanstellung sei leider nicht möglich, da das Budget nur für zehn feste Mitarbeiter/innen ausreiche. Da fast alle Mitarbeiter/innen recht gut verdienen, von der Gründung an dabei seien aber in nächster Zeit keine/r in den Ruhestand ginge, könne man nichts an der Situation ändern.

Die unheimliche Trübsal des Teams

Es wundert wohl keinen, dass das Ungleichgewicht an Engagement und Leistungen das Auswirkungen auf das Team hat. Doch das Thema wird in der Regel gern tabuisiert. Einige Kolleg/innen von Frau Z. brachen das Tabu, indem sie sich damit auseinander setzten, dass sie ein schlechtes Gewissen haben, weil sie fest im Sattel säßen, aber den Anforderungen tatsächlich nicht gerecht werden. Andere Kolleg/innen überspielten ihre Unbehaglichkeit mit selbstgerechten Parolen, andere wurden krank. Alles in allem wurde die Situation für Frau Z. immer unangenehmer.

Love it or Leave it

Hier sind wir beim Thema: Gudrun Z. denkt darüber nach, ihren Job zu kündigen. Nicht, weil ihre Arbeit nicht geschätzt würde und auch nicht unbedingt wegen des Geldes. Sie wird aufhören, weil sie dadurch, dass sie in übergreifenden Fachgebieten fitter ist als ihre Kolleg/innen, das Gefüge durcheinander bringt. Frau Z. wird gehen, weil ihr Geschäftsführer und ihre Kolleg/innen Angst vor Veränderungen haben und weil sie die Strukturen nicht ändern kann.

or keep Sleeping

Der Geschäftsführer und die Kolleg/innen werden mehr oder weniger betroffen weiterhin anwesend sein, die berühmten Vorstände und Vorsitzende werden davon überhaupt nichts mitbekommen und irgendwann wird eine neue Frau Z. als Ehrenamtlerin, Praktikantin oder günstige freie Mitarbeiterin das Ruder in die Hand nehmen. Der Geschäftsführer wird für immer seinen Posten behalten, weil er verantwortlich für sein Personal gesorgt hat und, Hand aufs Herz, es sind ja nur noch 10 Jahre, bis er im Ruhestand ist. Die Sicherheitstrance bleibt ungestört.

Es geht auch anders

In meiner Praxis als Beraterin und Coach gewinne ich Eindruck, dass immer mehr Menschen freiwillig aus der Sicherheitstrance treten, um passenden, sinnvollen, angemessenen Tätigkeiten nachzugehen. Der Anteil meiner Klient/innen, die durch Krankheiten in Veränderungen hinein gezwungen werden, nimmt ab. Ich glaube, die Generation Burn-out hat viele Menschen aufgeweckt. Aber darüber schreibe ich ein andermal mehr.