Schlüsselgedanken

Schlüselbund
Schlüsselgedanken Foto: Hanna Sostak

Wie die Beobachtung der eigenen Gedanken neulich zu einem Schlüsselgedanken führte

Bei meinem letzten Besuch bei meinen Eltern habe ich versehentlich einen Schlüsselbund eingesteckt und mit nach Berlin genommen. Meine Nichte wollte ihn eigentlich mitnehmen, als sie ins Ländle fuhr, aber es scheiterte dann am Übergabetermin. So entschied ich mich, den Schlüsselbund einfach mit der Post an meine Eltern zu schicken.

Szenarien beim Aufwachen

Ich weiß nicht, was ich geträumt habe, jedenfalls wachte ich mit dem Gedanken auf, dass in letzter Zeit immer mehr Briefe und Päckchen aufgerissen oder gar nicht bei mir oder bei Adressaten meiner Post ankommen sind.

Ich lag im Bett und stellte mir vor, wie die unterbezahlten Aushilfskräfte bei der Post oder deren Subunternehmen sich hin und wieder vielversprechende Umschläge unter den Nagel reißen, sie einfach öffnen oder gleich wegwerfen, wenn nichts zu holen ist. Meine Gedanken schweiften weiter in Zeiten, als die Post mit ihren “braven Beamten” noch ein typisch deutsches Saubermann-Image hatte und ich dachte an die typischen Mitarbeiter/innen an den West-Berliner Postschaltern, die sich mit ihren gedrückten Stimmen, hängenden Schultern und Mundwinkeln ähneln, als seien sie Geschwister. Menschen, die nie lachen oder wenn, heimlich auf der Toilette. Erinnerungen an Auseinandersetzungen mit meinem aus Italien stammenden Ex-Partner, der sich damals nach jedem Postamt-Besuch fürchterlich über die bösen Deutschen aufregte. Ich empfand das als übertrieben und erklärte ihm, dass es speziell die Berliner seien, die leider keine Ahnung von Serviceorientierung hätten.

Ich dachte an die Subunternehmer der Post, die als selbständige Paketauslieferer unter dem Mindestlohnniveau ackern und gestresst oder schlecht gelaunt vor verschlossenen Haustüren anzutreffen sind. Bilder aus einer Fernsehreportage kamen mir in den Sinn, wo Postmitarbeiter komplette LKW-Ladungen voll Päckchen und Paketen einfach irgendwo als Müll abluden, um dann Feierabend zu machen. Dann dachte ich, wo Menschen unzufrieden oder unterbezahlt sind, ist wahrscheinlich immer auch kriminelles Potenzial. Wie sagt man so schön: “Gelegenheit macht Diebe!

Beim Aufstehen fragte ich mich, ob Postmitarbeiter/innen und die vielen Aushilfen, die während der Weihnachtszeit eingesetzt werden würden, eigentlich polizeiliche Führungszeugnisse vorlegen müssen. Meine Gedanken schweiften weiter und ich stellte mir vor, dass unter den vielen jungen Männern, die als Flüchtlinge kommen, bestimmt viele einen Führerschein haben und in diese Jobs eingearbeitet werden könnten. Ich stellte mir vor, dass viele junge Männer unter schweren Bedingungen und zu schlechten Konditionen angeheuert werden. Wie und von wem würden sie  eingearbeitet werden? Welches Bild würde ihnen vermittelt werden, wenn so ein Halodri ihnen beibringen würde, wie man Briefe klaut?

Ein Schlüsselbund und viele Gedanken

Bevor ich aus dem Haus gehe, packe ich den Schlüsselbund in einen wattierten Briefumschlag, den ich mit der Adresse meiner Eltern beschrifte und mit einer 1,45€-Briefmarke frankiere.

“Auf dem Weg zum Seminarhaus komme ich an einigen Postbriefkästen vorbei, denke ich und nehme den Brief mit ins Auto. Während ich ihn auf den Beifahrersitz lege, frage ich mich:”Bin ich jetzt etwa eine besorgte Bürgerin? Sind meine Gedanken legitim? Darf ich denken was ich denke und sind Gedanken wirklich frei?

Da fällt mir der Zeitungsartikel über den extremen Personal-Notstand bei der Polizei ein und ich male mir katastrophale Bilder von Aufständen, Plünderungen und Anarchie aus. Es fehlt an Sozialarbeitern, Ärzten und Therapeuten. Wir haben keine Zivildienstleistenden mehr und kaum noch Bundeswehrsoldaten aber Gott sei Dank viele Freiwillige, die einen tollen Job machen. Mir wird warm ums Herz, als ich darüber sinniere, dass unsere Gesellschaft eine neue Willkommenskultur schafft und sich offen und freundlich zeigt. Doch dann verfliegt das wohlige Gefühl, denn mir fällt ein, dass auch diese, wie jede Bewegung eine Gegenbewegung hat, und dass unser Gutmensch -Sein auch saugefährlich werden kann. “Ich muss sofort aufhören weiterzudenken”, denke ich und schaltete ich mein Autoradio an, um mich abzulenken.

Zu spät: Im Radio kommt gerade in den Nachrichten, dass bundesweit zigtausend weitere Polizisten, Verwaltungskräfte, Lehrer und Sozialarbeiter benötigt werden, um die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen und, dass Zalando jetzt die ersten Flüchtlinge verklagt, die ständig Schuhe und Klamotten bestellen, diese aber nicht bezahlen.

Ich schalte das Radio wieder aus, während ich in Tempelhof an der Ampel stehe und auf dem Mittelstreifen ein einbeiniger Mann in verdreckten Klamotten mit einem Pappbecher direkt auf mich zu gehumpelt kommt. Er fuchtelt mit dem Becher hin und her. Ich kenne ihn schon, hatte ihm neulich 2 Euro gegeben, obwohl ich es hasse wie die Pest, wenn ich von Bettlern, Scheibenreinigern oder Obdachlosenzeitungsverkäufern angesprochen werde. Wieder kommt mir eine Reportage, diesmal über das organisierte Betteln in Berlin, in den Sinn und ich denke, wer ihnen Geld gibt, motiviert sie nur weiterzumachen. Aber ich hatte ihm damals trotzdem etwas gegeben – vermutlich, war ich nicht die einzige, die in letzter Zeit gegen die eigenen Prinzipien verstoßen hat. Ich mache die Emotionalität dafür verantwortlich, ein Trend, der uns weichgespült hat, was sich mit Sicherheit auf die Umsätze der bettelnden Roma auswirkt. “Heute nicht”, denke ich und drehe den Kopf zur Seite in der Hoffnung, dass die Ampel schnell auf grün schaltet.

Der ewige Stau auf der Skalitzer Straße führt meine Gedanken zur Baustellensituation in Berlin. Am Anfang wurde es noch thematisiert, dass zeitgleich an jedem Nadelöhr Berlins die Straßen aufgerissen sind, mittlerweile scheint man sich daran gewöhnt zu haben. Ich fragte mich, warum ich so oft Baustellen, aber so selten Bauarbeiter sehe und schätze Phi mal Daumen,  dass auf einen Bauarbeiter aktuell mindestens 10 Baustellen in Berlin kommen müssten.

“Was ist heute nur mit mir los?”frage ich mich selbst. “Bin ich heute einfach nur negativ drauf? Darf ich denken, was ich denke? Bin ich es noch die denkt oder denkt es mich?” “… Und hoffentlich gibt es bald genügend Bauarbeiter, die dem Baustellen-Elend ein Ende setzen.”

Mitten im Stau kurz vor dem Schlesischen Tor, kommt ein Polizeiwagen mit Sirene und Blaulicht von hinten sehr langsam und sehr laut angefahren. Ich fahre links auf den Bürgersteig um die Bahn frei zu machen. Ein polierter schwarzer BMW nutzt die Chance, zieht an mir vorbei und bleibt mitten auf der Fahrbahn stehen. Da nur wenige Autos sich an die Seiten bewegen, kommt die Polizei kaum durch. Die Sirene macht mich wahnsinnig. Ich ertappte mich dabei, wie ich mir die Kennzeichen und die Gesichter der Fahrer/innen analysiere und darüber nachdachte, wie die in anderen Ländern die Fahrschule bzw. Führerscheine gemacht werden. Das Lalülalla pausiert und die Stimme einer Polizistin kommt zum Einsatz. Wir Autofahrer werden über das Megafon aufforderte, bitte unverzüglich Platz zu schaffen. Ich frage mich, wer von den anwesenden Autofahrern die Ansage wohl verstanden hat und denke, dass die Idee mit den Postfahrern doch nicht so gut war.

Der Gutmensch und die Angst

Mir fallen Menschen in meinem Umfeld, die bestimmt empört wären, wenn ich diese Gedanken aussprechen oder veröffentlichen würde. Würden Sie mich verstehen und insgeheim das gleiche denken oder würden Sie von mir erwarten, dass ich anders denke? Mir fallen meine linken und grünen Freunde ein, die immer ganz schnell dabei sind, kritische Sichtweisen als Fremdenfeindlichkeit zu bezeichnen, aber als es damals um die Einschulung ihrer Kinder ging, zogen etliche wegen des hohen Migrantenanteils von Neukölln und Kreuzberg in bürgerliche Bezirke um. Es gibt so viele Leute in Berlin, die freie Meinungsäußerung nur predigen. Wird Scheinheiligkeit durch das Gutmenschentum ausgelöst? frage ich mich und denke an meine pietistisch geprägte schwäbische Herkunft. Wer kritisch ist, läuft schnell Gefahr, als rechtes Pack bezeichnet zu werden. Die Gedanken sind also doch nicht frei.

Wieso denke ich nur die ganze Zeit?
fragte ich mich und erinnere mich an meinen früheren Lehrer Paul Lowe, der den Mind (oder das Hirn) als Maschine bezeichnete, die immerzu im Einsatz ist, wenn man den Stecker nicht zieht. Ich überlegte kurz, ob ich jetzt den Stecker ziehen, oder mir einfach die nächsten Geschichten anschauen möchte, die mein Hirn mir präsentiert.

“Denken als solches ist ja nichts schlechtes” denke ich weiter und im gleichen Moment fällt mir ein Gespräch ein, das ich vor zwei Tagen mit einer Kollegin führte. Sie arbeitet zur Zeit als Trainerin für interkulturelle Sensibilisierung in Flüchtlingsprojekten und erzählte mir, dass sie sich in einen Dolmetscher verliebt hatte, der aus Marokko stammt. Trotz ihres interkulturellen Bewusstseins (oder gerade deswegen?) sei ihr mulmig, bei der Vorstellung, die Liaison könne zu einer ernsthaften Beziehung führen. Sie erzählte mir von ihrem Gefühlscocktail aus Leidenschaft, schlechtem Gewissen und Angst. Diese Liebschaft sei mit einer beklemmenden Schwere behaftet. Ich glaubte, sofort zu verstehen was sie damit meinte. Auch während meinen eigenen gedanklichen Exkursen während dieser Autofahrt empfinde ich eine beklemmende Schwere.

Ich bin spät dran. Während ich endlich vor dem Seminarhaus einparke, sehe ich den Briefumschlag auf dem Beifahrersitz. “Jetzt habe ich keine Zeit mehr, ihn zur Post zu bringen,” denke ich, “das mache ich in der Mittagspause.”

Post Erlebnis

Die Sonne in meiner Mittagspause lädt zu einem Spaziergang ein, deshalb gehe ich zu Fuß mit meinem Schlüsselbund-Briefumschlag zum Postamt. Da kommt mir die Idee, dass ich den Brief eigentlich auch als Einschreiben verschicken könnte, das wäre sicherer. Aber das würde mich die längste Zeit meiner Mittagspause kosten, weil man gerade zum Mittagszeit bei der Post immer ewig lange anstehen muss.

Ich ermahne mich, jetzt lieber positiv zu denken und sage zu mir selbst: “Schau in die schöne Sonne und freu Dich des Lebens, warum sollte irgendwer ausgerechnet Deinen Briefumschlag klauen? Der Postkasten reicht!” Entspannt durch diesen Gedanken,  zaubert die Sonne mir ein weites Lächeln übers Gesicht. Bis eine Frau direkt zurück lächelt und laut sagt: “Hallo, bitte kaufen, bitte kaufen!” Mein Gesicht friert geradezu ein, als eine Roma-Frau mir eine Motz (Obdachlosenzeitung) verkaufen will. Jetzt doch Per Einschreiben.

Ich stelle mich an der Schlange an und beobachte, wie die Postbeamten mit hängenden Mundwinkeln und Schultern unendlich lange untereinander verhandelten, wer wann zur Pause geht. Endlich verschwindet einer in den hinteren Räumen. “Wenigstens sorgen sie dafür, dass die Post sicher ankommt”, amüsiere ich mich selbst, weil ich keine Lust auf noch mehr kritische Gedankenschleifen habe.

Als ich endlich dran bin, lege ich den frankierten Brief auf den Schalter und sage: “Ich dachte, es ist sicherer, wenn ich ihn bei Ihnen abgebe.” Die Mitarbeiterin im blau-gelben Outfit schaut sich den Brief an und sagt: “Wenn Sie meinen”, während sie ihn kopfüber in den riesigen Briefcontainer hinter sich wirft. Mit großen Augen rufe ich laut: “Nein, so war das nicht gemeint. Ich wollte ein Einschreiben!” Wir lachen beide laut. Während sie den Brief wieder aus dem Container fischt und das Einschreiben fertigstellt, kichert sie weiter. Während ich die Einschreibegebühr bezahle, bin ich positiv überrascht über die gute Laune und Lebendigkeit der Postbeamtin. Ich verabschiede mich lachend. Sie wünscht mir einen schönen Tag und winkt mir kurz nach. “Das mit den hängenden Schultern und Mundwinkeln stimmt wohl doch nicht immer”, denke ich.

Mein Schlüsselgedanke

“Was für ein denkwürdiger Tag,” denke ich, “und ziemlich anstrengend war er”. Ist es das Denken, was anstrengt? Gedanken kommen und gehen, wenn wir ihnen nicht anhaften, so wie Gefühle auch. Was wird aus den Gedanken, wenn wir sie vorbeiziehen lassen, festhalten oder verdrängen? Ich glaube, das Anstrengende an diesem Prozess ist der Abgleich zwischen Gedanken und der eigenen Haltung dazu.

Ich habe den Eindruck, dass wir aktuell mit massiven Umbrüchen konfrontiert sind, die zu einem Wertewandel führen werden. Dieser Wertewandel betrifft Haltung, Emotion und Hirn der Beteiligten. Gedankenketten dieser Art können anders als laufende Maschinen genutzt werden.Sie können als innerer Dialog zur Auseinandersetzung, Erkenntnis und Haltung führen. Das nenne ich einen  interkulturell-sensible Schlüsselgedanken.

(c) Hanna Sostak