Go with the Flow

Wie weiter?  ist die zentrale Frage, die alle Ratsuchenden beschäftigt. In meiner Praxis als Kompetenzberaterin und Coach für berufliche (Um-) Orientierung habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Herangehensweise und Beantwortung dieser Frage auf sehr unterschiedliche Arten passiert und letztendlich eine Frage des Typs ist. In meiner Praxis habe ich sehr unterschiedliche Orientierungstypen kennengelernt. Mit diesem Beitrag möchte ich einen dieser Typen vorstellen:

Foto: Susanne Heitz

Der Flow Typ

Der Flow-Typ hat oft mehrere Berufe gelernt oder verschiedene Fächer studiert. Seine Vita kann je nach Sichtweise wie eine tolle Abenteuergeschichte oder wie ein chaotisches Durcheinander klingen. Der Antrieb für die Berufswahl eines Flow-Typen liegt im Spannungsfeld zwischen Inspiration und Neugierde.

Mehr oder weniger bewusst in den Fluss des Lebens vertrauend, ist sein Credo: Mal schauen, was das Leben so mit sich bringt.

Bei der Betrachtung der Biografie des Flow-Typen  fallen Äußerungen auf wie „es ging mir nicht um eine Karriere“,  „Geld war mir nie wichtig“, „irgendwie ging es immer weiter“, „ich habe das gemacht, was mich interessiert hat“, „Neues zu lernen war mir wichtiger als Geld verdienen“, „Ich hatte keinen Plan“, „irgendwie passierte es“, „es gibt wohl keine Zufälle“.

Die Biografiearbeit spielt in der Kompetenzberatung eine tragende Rolle und gern nutze ich hierzu Bilder und Symbole zur Visualisierung von Lebensläufen. Ein Bild, mit dem der Flow-Typ seine Biografie gerne symbolisiert und reflektiert, ist der Fluss des Lebens. Ein Fluß, der irgendwo entsprungen ist, sich als Bächlein durch Landschaften schlängelt, sich erweitert, Seitenarme entwickelt, zum reißenden Strom wird, zum Stausee, etc.

Der Flow-Typ in der Kompetenzberatung

Thomas R. (47) war zuletzt Projektentwickler bei einer internationalen gemeinnützigen Organisation. Nach Veränderungen auf Vorstands- und Führungsebene erhielt er vor ein paar Wochen einen Aufhebungsvertrag mit einer respektablen Abfindung und Freistellung. Als typischer Flow-Mensch resümierte Herr R. bei der Betrachtung seines Flusses: „Ich bin immer wieder ins kalte Wasser gesprungen, es war wie ein Sport. Es ging mir darum, herauszufinden ob ich den Aufgaben gewachsen bin. Manchmal habe ich mich treiben lassen, manchmal schwamm ich gegen den Strom und ab und zu bin ich auch gestrandet. Aber durch irgendwelche Zufälle kam ich immer weiter.“

Doch diesmal war alles anders. Bereits als die Kündigung sich abzeichnete, hatte Thomas R. viele Angebote und Vorschläge bekommen, doch er kümmerte sich nicht darum. Als er dann freigestellt war und zuhause saß, war er nicht in der Lage, sich um seine berufliche Zukunft zu kümmern. Er fühlte sich wie gelähmt. Lebensfreude und Neugierde waren ihm abhanden gekommen. Um auf das Bild mit dem Fluss zurück zu kommen, war er gestrandet und sein Versuch, wieder in das Fahrwasser zu gelangen scheiterte darin, dass sein Innerstes sich komplett weigerte, zurück in der Fluß zu gehen. Immer wieder auftauchtende Existenzängste machten Panik und verbreiteten eine depressive Stimmung, die jegliche Form von Bewerbungsaktivitäten inkonkruent erscheinen ließen. Den nächst besten Job anzunehmen um wieder in den Fluß zu kommen, war Für Thomas R. nicht mehr die Lösung.

Flow-Typen vermeiden gern Zeiten und Situationen, an denen sie auf sich selbst zurückgeworfen werden. Ihr Streben ist es, schnell wieder zurück in den Fluss zu kommen. Da sie ihre Lebensfreude vorwiegend durch die Strömung wahrnehmen, in der sie schwimmen, ist ein längerer Sandbank-Aufenthalt eine echte Herausforderung. Thomas R. nutzte die Gelegenheit  um sich bewusst zu machen, wo er beruflich steht und wie es für ihn weiter gehen soll.

In wenigen Sitzungen gelang es ihm, herauszufinden
1.) was er wirklich, wirklich kann
2.) was er wirklich, wirklich liebt und
3.) was er wirklich, wirklich will.

„Mich auf diese Weise selbst wahrzunehmen hat mich unglaublich gestärkt. Ich habe so etwas wie meinen inneren Kompass entdeckt und mich neu ausgerichtet.“

Thomas R. schrieb zwei Bewerbungen. Er hätte beide Stellen haben können. Er entschied sich für eine Stelle als Geschäftsführer in einer Branche, die er bisher noch nicht kannte und daher besonders spannend fand. Ein Flow-Typ eben.

Copyright Hanna Sostak