Gänsehaut erinnert!

 

Hanna Sostak

Hanna Sostak

Kennen Sie das? Sie sitzen in einer Besprechung, jemand sagt etwas und plötzlich wird Ihnen ganz komisch. Sie trauen Ihren Ohren nicht. Ihre Augen werden groß, das Herz klopft schneller und die Haare stehen zu Berge.

Kürzlich bei einem Kunden…

Ein Unternehmen buchte vor Kurzem ein Führungskräfte-Seminar. Ziel war es, Prozesse einzuleiten, welche den Mitarbeitenden mehr Eigenverantwortung abverlangen und zu mehr Selbstbestimmung führen sollen. Dazu hatte ich ein Trainingsprogramm zur Förderung der Potenzialentfaltung auf Augenhöhe entwickelt.

Gemeinsam mit meiner Co-Trainerin nahm ich zwei Tage vor diesem Seminar an einem Briefing teil. Es ging um Organisatorisches, wie die Ausstattung des Seminarraumes, Pausenzeiten und das Catering. Dann wurde uns von der HR-Mitarbeiterin eine Art Profilingbogen vorgelegt, den wir nach Seminarende für jeden Teilnehmenden ausgefüllt abgeben sollten. Wegen des Qualitätsmanagements. Bei einem kurzen Blick auf das Papier, sah ich etwas, was schockartig meinen Verstand ausschaltete.

Ausnahmezustand

Eigentlich bin ich ja eine offene, gelassene und besonnene Gesprächspartnerin, die sachlich und professionell kommunizieren kann. Doch als ich dieses Formular vor mir sah, geriet ich unmittelbar in einen Ausnahmezustand. Ich fühlte mich wie vom Blitz getroffen in helles Entsetzen geraten. Mit aufgestellten Nackenhaaren war ich erstarrt. Gänsehaut überzog meinen Körper und ich war außerstande weiter zu sprechen.

Gänsehaut

Wie kommt es zur Gänsehaut? Ich habe gelernt, dass sie ein Überbleibsel aus der Steinzeit sei, die durch das Aufstellen der Haare den Menschen vor Hitze, Kälte und anderen Angriffen schützte. Vom zentralen Nervensystem gesteuert, kann Gänsehaut nicht willkürlich erzeugt werden. Die Haut reagiert ohne unseren Einfluss auf Kälte, Hitze, Schadstoffe und Verletzungen ebenso wie auf emotionale und seelische Prozesse.

Ehrliche Haut

Die Haut kommuniziert direkt und ehrlich ! Und ähnlich wie nervöse Flecken oder Schamesröte, kann eine Gänsehaut emotionale Ausnahmezustände signalisieren. Eine Ergriffenheit, die sich weder steuern, noch übertünchen lässt.

Während dieser Besprechungssituation hatte meine Kollegin sofort bemerkt, dass etwas nicht stimmte und geistesgegenwärtig die Gesprächsführung übernommen. Sie erzählte mir später, dass sie meine Gänsehaut sah und intuitiv wusste, dass sie jetzt das Ruder in die Hand nehmen musste. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn sie nicht dabei gewesen wäre. Aus der Haut gefahren? Empört den Raum verlassen? Wie auch immer – ich hätte bestimmt einen guten Auftrag aufs Spiel gesetzt. Als wir nach dem Meeting darüber sprachen, sagte meine Kollegin zu mir: “Du hast halt eine Mission und bist ne ehrliche Haut.”

Mission

Ein einfaches Formular war der Auslöser meiner gänsehäutigen Schockstarre.
Es war ein Bewertungsbogen auf dem wir Trainerinnen die Verhaltensweisen, Eigenschaften und Fähigkeiten der Teilnehmenden bewerten sollten. Das ist ja nicht gerade unüblich; und dass die Bewertung mit den Schulnoten 1 bis 6 (1= sehr gut, 6 = ungenügend) vorgenommen werden soll, finde ich zwar haarsträubend (der Begriff kommt übrigens auch von der Gänsehaut) aber auch in der heutigen Zeit noch häufig finden. Der Schock traf mich, als ich folgende Aussagen zum Ankreuzen las: “hat unrealistische Ideen”
“ist zu anspruchsvoll”
“ist übermotiviert”
“bringt sich nicht genügend ein”.

Mein Wertesystem schlug Alarm! Defizitorientierte, schulnotenmäßige Beurteilungen empfinde ich nicht nur als Kompetenzberaterin als unwürdige Behandlung von oben herab. Das widerspricht zutiefst dem Prinzip der Verantwortung und Augenhöhe.  Kann eine Organisation, die ihr Personal systematisch defizitorientiert bewertet, wirklich starke, verantwortungsbewusste Mitarbeiter/innen wünschen?

Gänsehaut als Wegweiser

Wie ging es weiter? Die Personalerin bestand darauf, den Bewertungsbogen als wichtige Formsache, für das QM zu benötigen. Meine Kollegin sagte freundlich und souverän: “Das können wir gerne tun” und schob mich in Richtung Ausgang und wir verabschiedeten uns.

Als mein Hirn wieder denken konnte, strickten wir das Seminar ein wenig um. Im Seminar ließen wir das Formular gleich am Anfang von den Mitarbeiter/innen als Selbstreflexionsbogen ausfüllen. Das erwies sich als prima Grundlage für den Einstieg. Das Seminar verlief positiv und war erfolgreich. Beim Auswertungsgespräch mit der Geschäftsführung konnte ein Folgeangebot zu “ressourcenorientierter Mitarbeiterbewertung” plazieren.

Meine Gänsehaut habe ich als ganz persönliche und tiefe Erinnerung daran empfunden, was mir wichtig ist und wo ich wirken will. Wenn ein Zustand als haarsträubend empfunden wird, ist man vielleicht genau am richtigen Ort. Gänsehaut kann das ein Wegweiser für Bedarf sein.

Ich habe übrigens gelesen, dass Menschen mit einer dicken Haut keine Gänsehaut bekommen.

(c) Hanna Sostak 2015