Für immer Urlaub

Die Urlaubszeit ist vorbei – und jetzt?

Die Urlaubszeit ist vorbei und die arbeitende Bevölkerung kehrt in ihren altbekannten Rhythmus zurück. Die Sommerflaute ist überstanden und Umsätze steigen wieder. Auch ich bemerke jedes Jahr eine Art Sommerloch und stelle fest, dass ab September die Nachfrage für Coaching- und Trainingsangebote steigen. Die Branche weiß, September bis Anfang Dezember wird es anstrengend.

Da nach der ersten Dezemberwoche schon wieder die nächste Urlaubsflaute zu erwarten ist, heisst es für die meisten Selbständigen: Jetzt ranklotzen!  Im Spannungsfeld zwischen Auftragsmangel und Überforderung, regiert leider viel zu oft die Existenzangst.

Warst Du im Urlaub?

Noch nie wurde ich so oft auf Urlaub angesprochen, wie in diesem Jahr. Ich wurde von Mai bis September ständig gefragt, ob und wo ich im Urlaub gewesen sei.

Teilweise habe ich Komplimente für mein Äußeres bekommen, weil ich so entspannt wirke. Was sollte ich dazu sagen? Eigentlich war ich nicht im Urlaub. Ich war ein paar mal verreist, aber ist das Urlaub? Ich habe Dinge gemacht, die mir wichtig waren, ich habe Seminare gegeben und Coachings, Ich habe mich mit Menschen getroffen, Umzüge gemacht und meinen Balkon bepflanzt. Ist das Urlaub?

Egal wo ich mich aufhielt – in der Bahn, im Treppenhaus, bei Karstadt oder Aldi. Überall hörte ich, wie Menschen sich unterhielten: Wie war Dein Urlaub?, Hattest Du einen schönen Urlaub?, Ich habe keinen Urlaub bekommen, Es war sooo schön im Urlaub!, Ich fahre bald nochmal in Urlaub, ich kann mir keinen Urlaub leisten, etc.

Diese, im Grunde freundliche Unterhaltungen um mich herum haben mich in diesem Jahr extrem irritiert und teilweise sogar verärgert.

Wer meinen letzten Blogbeitrag gelesen hat weiss, dass ich Anfang des Jahres bewusst das Nicht(s)tun geübt, und mir so den Flow in meinen Alltag geholt habe. Mit diesem Hintergrund erschien mir der Urlaubsbegriff einfach nur absurd.

Was heisst eigentlich Urlaub?

Mein gespaltenes Verhältnis zu dem Begriff Urlaub mag von daher kommen, dass ich als Kind einer Unternehmerfamilie nicht mit der typisch deutschen Urlaubskultur aufgewachsen bin. Urlaub hatte für mich schon immer einen etwas bürgerlich-staubigen Geschmack, den ich dem braven Arbeiter- und Beamtentum, zugeordnet hatte. Schließlich gehören zu  Urlaub bürokratische Konnotationen wie zum Beispiel beantragen, genehmigen, verordnen, ablehnen oder antreten.

Der Begriff Urlaub stammt aus dem mittelhochdeutschen Wort Urloub und wurde zu Zeiten von Leibeigentum und Dienstherrschaft eingeführt. Wenn ein Soldat, ein Leibwächter, eine Zofe oder ein Knecht aufgrund eines wichtigen Vorfalls (z. B. ein Todesfall in der Familie) dringend woanders gebraucht wurde, oder wenn er oder sie zu krank zum Arbeiten war, wurde Urlaub (Verlaub, Erlaubnis) beim Dienstherrn beantragt.

Später, im Zeitalter der Industrialisierung und des Humankapitals, wurde der Begriff Urlaub mit Erholung gleichgesetzt. Dabei ging es natürlich in erster Linie um den Erhalt der Arbeitsfähigkeit. Wer schon seinen Urlaub hatte, ist besser einsatzfähig.

Nie wieder Urlaub

Als unermüdliche Selbstverwirklicherin und Verfechterin der Souveränität brachte der Begriff Urlaub mich dermaßen auf die Barrikaden, dass ich in diesem Sommer beschloss, ihn ab jetzt aus meinem Vokabular zu streichen.

Für mich, als freier Mensch macht Urlaub keinen Sinn, denn wen sollte ich um Erlaubnis bitten, außer mich selbst?

Es gab kaum einen Mitmenschen, den ich nicht in meinen philosophischen Urlaubsdiskurs verwickelte – mit Sicherheit ging ich mit dieser Thematik einigen Freunden und Kollegen ziemlich auf die Nerven. Aber wenn ich einer Sache auf den Grund gehen möchte, setzte ich mich so lange damit auseinander, bis ich die, für mich adäquate Haltung dazu gefunden habe.

Eine Freundin verhalf mir dabei zu einer passenden Perspektive. Sie erklärte mir, dass sie Urlaub niemals aus ihrem Wortschatz streichen würde, weil sie diesen Begriff mit schönen Gefühlen assoziiert. „Kein Wunder,“ dachte ich, „Lehrertochter!“

Aber wir stellten fest, dass es letztendlich um Gefühle wie Freiheit, Durchlässigkeit und Leidenschaft geht, die erlebt werden wollen. Wer sie im sogenannten Alltag vermisst, findet sie häufig im Urlaub. Viele üben in Urlaubsformaten wie AuszeitenRetreats oder Abenteuerreisen ihren Sehnsüchten und Bedürfnissen näher zu kommen und neue Aspekte des Daseins zu ergründen. Es geht oft darum, diese Elemente kennenzulernen und in das eigene Leben zu integrieren.

Für immer Urlaub

Okay, okay…. ich habe mich umentschieden. Ich werde das Wort Urlaub nicht aus meinem Vokabular streichen, sondern umdeuten. Als selbstbestimmter Mensch erteile ich mir die allumfängliche Erlaubnis, mich frei und glücklich zu fühlen, durchlässig zu sein und leidenschaftlich.  Ab jetzt habe ich für immer Urlaub!