Der Schildkröten-Typ

In meiner Praxis als Coach, Trainerin und  Kompetenzberaterin habe ich unzählige Menschen kennengelernt, die sich beruflich in einer (Um-) Orientierungsphase befinden. Wie weiter?  ist die große Frage.  Wie Menschen sich dieser Frage annähern ist sehr unterschiedlich. Dabei zeichnen sich bestimmte Muster, Vorstellungen und Sichtweisen ab, die typisch sind. Mit diesem Beitrag möchte ich den Orientierungstyp Schildkröte vorstellen.

Der Schildkröten-Typ

SchildkröteDer Orientierungstyp Schildkröte scheint weit verbreitet zu sein. Jedenfalls haben Berater/innen von JobCentern und sozialen Trägern den Eindruck, dass er überproportional vertreten ist. Schildkröten-Typen erkennt man an ihrer Bedächtigkeit.  Pragmatisch nehmen sie das, was am naheliegendsten ist. Sie scheinen sich bescheiden mit dem abzufinden, was ihnen geboten wird. Bevor sie in Bewegung kommen, muss der Sinn und Zweck der Veränderung klar sein. Ihre Motivation liegt häufiger darin, sich von Unangenehmem weg zu bewegen als sich zu Angenehmem hinzubewegen. Doch der Schildkröten-Typ bevorzugt die Beständigkeit und bleibt seinem Beruf gern treu. Als Mitarbeiter ist die Schildkröte eine verlässliche Instanz und entscheidet sich immer für das Naheliegende. Daher steigt er innerhalb eines Betriebs auf, doch in einer Führungsposition trifft man ihn selten an. Ein Schildkröten-Typ, der in verschiedenen Berufen und Branchen gearbeitet hat, hat dies meist eher äußeren Umständen als seiner Umtriebigkeit zu verdanken.

Im Gespräch und bei der Betrachtung der Biografie fallen Hinweise wie „Alles war in Ordnung, bis…“, „Weil XY meinte, das sei gut, habe ich es gemacht!“,  „Ich musste mich ja entscheiden!“, „Wozu sollte ich? Was bringt das?“, „Ich brauche das nicht“

Zur Entscheidung gezwungen

„Mein Chef hat mir die Pistole auf die Brust gesetzt“, eröffnete Frank D. das Gespräch. Aufgrund von Umstrukturierungen sollte sein Arbeitsplatz aufgelöst werden. Ihm wurde die Option eines Aufhebungsvertrags mit einer ordentlichen Abfindung oder eine Weiterbeschäftigung in einem Tochterunternehmen zu schlechten Konditionen angeboten. „Meine Frau meinte, ich soll das mal mit Ihnen durchsprechen“, sagte er.

Frank D. (53) war seit seiner Ausbildung zum Industriekaufmann im gleichen Unternehmen beschäftigt. Er arbeitete seit 27 Jahren im Rechnungswesen des Verlages, wo er zunächst in der Debitoren-, dann in der Kreditorenabteilung beschäftigt war. Aufgrund seiner guten Arbeit und seiner Zuverlässigkeit, stieg er zum Chef-Sachbearbeiter auf. Später wurde ihm angeboten, eine berufsbegleitende Ausbildung zum Bilanzbuchhalter zu machen, da man Verwendung für ihn im Controlling habe. Natürlich machte er die Ausbildung und nach erfolgreichem Abschluss, war er fast sieben Jahre als Bilanzbuchhalter beschäftigt.

Dann kam die Nachricht der Umstrukturierung und des Stellenabbaus. Frank D. war einer der letzten, die zum Personalgespräch gerufen wurden. Obwohl er längst über die Veränderungen Informiert war, traf das Gespräch mit dem Personalchef ihn wie ein Hammer auf den Kopf.

Frank D. hat in seinem Berufsleben stets korrekt gearbeitet, war loyal und hat sein Fachwissen über die Jahre weiterentwickelt. Und jetzt? Sich mit 53 Jahren erstmalig auf den Arbeitsmarkt zu begeben, ist nicht einfach.
„Ich fühlte mich immer sicher und gut aufgehoben in der Firma. Ich habe noch nie etwas anderes gemacht und weiss gar nicht, wie es woanders ist!“

Lieber Sicherheit als Geld

Das dringlichste Thema der Beratung war es, die Optionen der Weiterbeschäftigung und des Ausscheidens mit Abfindung zu analysieren. Obwohl die angebotene Abfindung eine beträchtliche Summe darstellte, die weit über ein Jahresgehalt hinaus ging, war für Frank D. eine Festanstellung beim Tochterunternehmen attraktiver. „Dann muss ich mich nicht umschauen und weiß, wie es weitergeht,“meinte er.

Da er noch eine Woche Zeit hatte, sich zu entscheiden, schlug ich Frank D. eine Kompetenzberatung vor, um einmal klar aufs Papier zu bringen, welche Stärken, Fähigkeiten und Talente er hat. Dann würden nach entsprechenden Stellenangeboten recherchieren. Nachdem ich ihm erklärte, dass dabei gerade auch informell erworbene Fähigkeiten zielführend sind, fand er den Vorschlag gut und buchte das Beratungspaket. Wir begannen sofort mit der Biografiearbeit und bearbeiteten acht Lebensfelder zur Ermittlung seiner Kompetenzen. Beim Erstellen des Kompetenzprofils tauchte auffällig oft Wissen und Interesse für gesundes Essen, Bioprodukte, Ökologie und Nachhaltigkeit auf. „Das fing schon in den 80ern an, als ich bei einem Freund in einer Food Coop aushalf. Der ist übrigens mittlerweile Großhändler für Bioware“, erzählte er mit strahlenden Augen.

Kompetenzen der Schildkröte

Naheliegend

Frank D. nahm Kontakt zu seinem alten Freund auf, der ihm sofort eine Stelle im Controlling anbieten konnte. Der Arbeitsplatz ist nicht so gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar wie der alte und der Verdienst liegt etwas unter dem Angebot des Tochterunternehmens, dafür gibt es zwei Tage mehr Urlaub im Jahr und immer gutes Bio-Essen in der Kantine. Mit der Abfindung will Frank D. sich ein Elektroauto kaufen, damit er gut zur Arbeit kommt. Das macht doch Sinn!

Copyright Hanna Sostak