Bereit zur Abrüstung bei der Bewerbung?

Bereit zur Abrüstung?

(c) Hanna Sostak 2013

Gut gewappnet ins Bewerbungsverfahren

– Sind Sie fit in Sachen Bewerbung?
– Haben Sie alles über die neuesten Bewerbungstrends gelesen?
– Wissen Sie, wie man heutzutage zum/zur perfekte/n Kandidat/in wird?
– Haben Sie sich gut auf Ihr Vorstellungsgespräch vorbereitet?
– Sind Sie perfekt gestylt und gut gekleidet?
– Können Sie sich eloquent ausdrücken?
– Haben Sie alle Argumente, Fragen und Ihren Pitch fürs Job-Interview auswendig gelernt?

Wer das alles mit einem Ja beantworten kann, strahlt Kompetenz und Professionalität aus, möchte man meinen. Er/Sie ist gut für das Bewerbungsverfahren gewappnet und weiß, wie man keine Angriffsflächen bietet!

Kriegsführung

Der Anspruch, “Sich unangreifbar zu machen”, stammt aus dem Kriegsvokabular, wo auch Begrifflichkeiten wie “Schlagfertigkeit”,  “Gewappnet sein”, “Ausgerüstet sein” und “keine Angriffsfläche bieten” herkommen. Auf der anderen Seite findet man Begriffe wie “Rekrutierung und (Un-) Tauglichkeit”.

Moderne Bewerber/innen stecken sich ein Ziel und bereiten dann ihren Feldzug strategisch vor. Dazu gehören neben den Kompetenznachweisen und Referenzen, die top gestalteten Bewerbungsunterlagen. Das treffsichere Anschreiben lässt die Attacke zum Treffer werden. Und wer einen Treffer gelandet hat, die erste Etappe gewonnen und wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Hier scheint es um die Verteidigungskunst zu gehen, die ebenfalls perfekt vorbereitet wird.

Lächeln auf dem Schlachtfeld

Bitte mißverstehen Sie mich nicht: Souveränes und professionelles Auftreten ist ein wichtiges Ziel meiner Arbeit als Coach. Ich vermittle täglich viele Inputs zu Bewerbungsthemen. Doch immer häufiger lerne ich Menschen kennen, ihre Bewerberkompetenzen dermaßen professionalisiert haben, dass sie kaum Aussichten auf Erfolg versprechen. Das Bewerben an sich hat sich zum Selbstzweck entwickelt. Dabei werden Bewerberkompetenzen extrem professionalisiert, während das eigentliche Ziel, nämlich die gewünschte Position zu bekommen, aus den Augen verloren wird.

So kommt es, dass Arbeitgeber/innen von den Bewerberkompetenzen ihrer perfekt vorbereiteten oft Kandidaten/innen sehr angetan sind und sie sogar bewundern. Dadurch wird signalisiert, dass ein extrem gute Eindruck hinterlassen wurde und beim Verabschieden wird Zuversicht vermittelt. Nach der perfekt gelungenen Selbstpräsentation sieht der/die Bewerber/in sich als Sieger/in, mit dem Job in der Tasche, während der/die Arbeitgeber/in diplomatisch die Hand reicht. “Wir melden uns”.

Zu professionell wirkt unnatürlich

Nach dem beeindruckenden Auftritt bleibt aber der Nachgeschmack: “Toll, aber irgend etwas stimmt nicht.” Die berühmte Wellenlänge konnte nicht hergestellt werden und bei der Ablehnung wird erwähnt, dass es sehr knapp war, man sich aber leider doch für eine/n anderen Kandidaten/in entschieden habe.

Nach dem Schock wird die Absage dann als Scheitern betrachtet, weil die Präsentation wohl doch nicht perfekt genug war. Weiter geht’s mit dem Studium weiterer Fachliteratur zu Bewerbungsstrategien. Irgendwann beginnt dann der nächste Feldzug mit dem Gefühl, diesmal noch besser gewappnet zu sein. Vielleicht diesmal mit einem schwarzen Anzug?

Kein Wunder, dass diese entmutigende Spirale, auf Dauer zur Resignation führt.

Rüstung ablegen

Wer eine (professionelle) Rüstung trägt, kann weder authentisch Kontakt, noch Wellenlänge wahrnehmen. Falls Sie diese Situation selbst kennen, sind die Tipps, dass Sie authentisch und natürlich sein sollen, bestimmt nicht neu für Sie. Doch das ist leichter gesagt als getan. Wer sich seiner/ihrer Stärken nicht wirklich sicher ist, braucht viel Rüstzeug und eine Rüstung, für den Feldzug. Wer seine/ihre Stärken wirklich kennt, kann abrüsten, sich wieder natürlich bewegen und sich und seine/ihre Talente zeigen.

Finden Sie heraus, wer Sie wirklich sind, was Sie wirklich können und was Sie wirklich wollen. Denn wer wirklich von seinen/ihren Fähigkeiten und Potenzialen überzeugt ist, kann auch Arbeitgeber/innen auf natürliche Art überzeugen. Und das geht ganz ohne Krieg.

(c) 2016 Hanna Sostak
www.hannasostak.de